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Full text of "Ein Vorläufer Jesu"

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Ein  Vorläufer  Jesu 


von  Hermann  Gunkel 


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VERLEGT  BEI  ORELL  FÜSSLI  /  ZÜRICH 


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Ein  Vorläufer  Jesu 


Von  Hermann  Gunkel 


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VERLEGT  BEI  ORELL  FÜSSLI  /  ZÜRICH 


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Copyrigiit  by  Verlag  Seldwyla,  Bern 


1. 

Es  ist  vor  kurzem  einem  jungen  norwegischen  Ge- 
lehrten, D.  Sigmund  Mowinckel,  geglückt,  eine  bis  dahin 
unbekannte  gewaltige  Prophetengestalt  im  Alten  Testa- 
ment zu  entdecken  (S.  M.,  Der  Knecht  Jahwäs,  Gießen, 
A.  Töpelmann,  1921).  Der  Laie  wird  fragen,  wie  eine 
solche  Entdeckung  in  einem  seit  zwei  Jahrtausenden 
nach  so  vielen  Seiten  hin  durchforschten  Buche  über- 
haupt möglich  sei.  Aber  das  Alte  Testament,  aus  ande- 
rem Klima,  aus  fremder  Rasse,  aus  längst  entschwun- 
dener Kultur  stammend,  von  allem  Gegenwärtigen  viel- 
fach aufs  stärkste  unterschieden,  ist  und  bleibt  trotz 
aller  wissenschaftlichen  Bemühungen  ein  schwer  ver- 
ständliches Buch,  dem  man  seine  Geheimnisse  nur 
schrittweise  entreißen  mag,  und  besonders  die  prophe- 
tischen Schriften,  die  von  ihren  Verfassern  bewußt  und 
unbewußt  dunkel  gehalten  sind,  bergen  der  ungelösten 
Rätsel  noch  viele.  Ja,  gerade  die  unendliche  Mühsal,  die 
man  an  dies  Buch  gewandt  hat,  hat  oft  dem  wahren 
Verständnis  mehr  geschadet  als  genützt;  denn  welcher 
fast  undurchdringlicher  Schutt  falscher  Erklärungen  hat 
sich  im  Laufe  der  Zeiten  darüber  angehäuft;  wie  hat 
jedes  Geschlecht,  und  auch  trotz  aller  seiner  Errungen- 
schaften gelegentlich  noch  das  neueste,  das  Seinige  dazu 
beigetragen,  den  Kern  unkenntlich  zu  machen!  Um  so 
dankbarer  müssen  wir  sein,  wenn  uns  wieder,  einmal  ein 
Stück  Wahrheit  ins  Licht  gerückt  wird. 

Durch  die  Reden  des  ,,Deuterojesaia",  d.  h.  der 
Schrift,  die  dem  Buche  des  alten  Propheten  Jesaia  bei- 
gebunden  ist    (Jesaia   40 — 55)    und  nach  gegenwärtig 


allgemeiner  Annahme  aus  dem  babylonischen  Exil 
stammt  (um  540  v.  Chr.),  zieht  sich  eine  rätselhafte 
Figur,  die  Gestalt  des  „Knechtes  Jahves"  (Jesaia 
42,1—7;  49,1—7;  50,4—11;  52,13—53,12).  Schon  ihr 
Name  ist  vieldeutig,  denn  ein  so  großer  Herrscher  wie 
Jahve  hat  viele  ,, Knechte"  und  ,, Knechte"  mancherlei 
Art.  Nur  in  allerlei  nicht  leicht  zu  verstehenden  An- 
deutungen wird  in  den  vier  Liedern,  die  von  ihm 
handeln,  gesprochen,  wie  denn  auch  sonst  in  dem  eigen- 
tümlichen Dämmerschein,  der  über  dem  Buche  dieses 
lyrisch  gestimmten  Propheten  liegt,  alle  scharfen  Um- 
risse verschwimmen.  So  ist  es  denn  kein  Wunder,  daß 
man  von  alter  Zeit  bis  in  die  Gegenwart  darüber  hin 
und  her  geraten  hat,  was  sich  in  diesem  Halbdunkel  ver- 
berge. Früher  hat  man  an  den  ,, Messias"  gedacht, 
dem  die  Figur,  die  zum  Schluß  ein  großer  Weltherr- 
scher werden  soll,  auch  in  gewisser  Weise  verwandt 
erscheint,  nur  daß  freilich  das  Leiden  und  Sterben,  das 
ihr  zugeschrieben  wird,  von  dem  Messias,  einer  glänzen- 
den Heldengestalt  der  Endzeit,  weit  abliegt.  Neuere 
Gelehrte  pflegen  darauf  hinzuweisen,  daß  auch  das  Volk 
Israel  nicht  selten  und  gerade  bei  Deuterojesaia  Jahves 
Knecht  genannt  wird,  wie  es  denn  wirklich  nicht  ganz 
leicht  ist,  diese  beiden  Knechte  in  allen  Einzelheiten 
auseinander  zu  halten;  aber  an  einigen  Stellen  wird  der 
,,  Jahve -Knecht"  doch  von  dem  Volke  deutlich  unter- 
schieden: er  hat  an  diesem  selber  einen  Beruf  und  ist 
auch  in  seinem  ganzen  Wesen  ein  anderer:  Israel  hat 
Jahve  verlassen  und  hadert  mit  ihm,  er  aber  hält  auch 
in  dem  Leiden  treu  an  seinem  Gotte  fest.    Auch  trägt 


die  Darstellung  so  viele  bestimmle  Züge,  daß  sie  kaunx 
anders  als  auf  eine  Einzelpersönlichkeit  verstanden  wer- 
den kann,  während  andere  Beobachtungen  darauf  führen, 
daß  sie  eine  Größe  der  damaligen  Gegenwart  sein  muß. 
Gewisse  andere  Erklärungen,  wie  diese,  daß  es  sich  um 
das  ,, ideale  Israel"  handle,  ein  Wort,  das  die  hebräische 
Sprache  gar  nicht  kennt,  hätten  überhaupt  nicht  auf- 
gestellt werden  dürfen.  Aber  wer  mag  denn  nun  diese 
wunderbare  Gestalt  ursprünglich  gewesen  sein  ? 

In  diesen  Nöten  hat  Mowinckel,  wife  mir  scheint, 
das  Richtige  getroffen  und  eine  so  einfache  Lösung  ge- 
funden, daß  man  sich  wundern  darf,  daß  man  nicht 
längst  darauf  verfallen  ist.  Doch  muß  ich  hinzufügen, 
daß  sie  mir  schon  einmal  in  einer  Studentenarbeit  —  sie 
stammte  von  dem  gegenwärtigen  rheinhessischen  Pfarrer 
Koeppler  in  Stadecken  —  begegnet,  damals  aber  in  ihrer 
Bedeutung  von  mir  nicht  erkannt  worden  ist.  Diese 
Lösung  aber  ist  diese,  daß  der  Jahve- Knecht  kein 
anderer  als  der  Prophet  selber  ist.  Die  folgende 
Schrift,  in  der  ich  im  Ergebnis  und  in  vielen  Einzel- 
heiten Mowinckels  geistreichen  Ausführungen  nachgehe, 
soll  das  in  großen  Zügen  darstellen. 

2. 

Wir  müssen  zunächst  weiter  ausholen  und  den 
Rahmen  schildern,  in  dem  die  Selbstaussagen  des 
Propheten  stehen,  seineVerkündigung  an  seinVolk. 

Der  ^Staat  Judas  ist  damals  durch  furchtbare 
Schläge  des  chaldäischen  Weltreiches  vernichtet.    Jeru- 


salem  liegt  in  Trümmern.  Die  besitzenden  und  führen- 
den Stände  sind  in  das  ferne  Babylonien  fortgeführt 
und  dort  zwangsweise  angesiedelt  worden,  nun  schon 
seit  50  Jahren.  Jetzt  aber  steigt  eine  Hoffnung  empor. 
Cyrus,  der  Perserkönig,  schickt  sich  an,  die  Welt  zu  er- 
obern; schon  ist  das  mächtige  Lyderreich  vor  ihm  ge- 
fallen (546  V.  Chr.).  Nun  muß  sich  das  persische  Reich 
mit  ungeheurer  Übermacht  auf  den  altersschwachen 
chaldäischen  Staat  stürzen.  Eine  Umwälzung  aller  Ver- 
hältnisse zieht  heran,  der  Sturz  des  verhaßten  Zwing- 
herrn der  Juden! 

In  diesen  aufregenden  Jahren  hat  der  Prophet, 
dessen  Namen  uns  nicht  überliefert  ist,  seine  jubelnde 
Stimme  erhoben.  Jetzt  ist  die  Stunde  des  Heils  gekom- 
men, so  verkündigt  er.  Der  Gewaltherrscher  stürzt,  der 
Kerker  tut  sich  auf,  und  Israel  wird  frei!  In  Worten 
voller  jauchzender  Begeisterung  schildert  er  das  Glück, 
das  nun  bevorsteht.  Jahves  Zorn,  der  so  lange  auf 
seinem  abtrünnigen  Volke  lastete,  ist  jetzt  vorüber! 
Jerusalems  Mühsal  ist  vollendet  und  seine  Schuld  ver- 
geben! Durch  die  Wüste,  die  Babylonien  von  Kanaan 
trennt,  zieht  Israel  in  seine  Heimat  zurück ;  der  Gott  selber 
führt  den  Zug.  Da  erneuern  sich  die  Wunder,  von  denen 
die  alten  Geschichten  erzählen:  die  Steppe  bedeckt  sich 
mit  köstlichen  Bäumen,  und  Quellen  bewässern  das 
dürre  Land  wie  ein  Paradies.  Herrlich  ersteht  die  heilige 
Stadt  aufs  neue,  glänzend  von  köstlichen  Edelsteinen, 
eine  strahlende  Märchenstadt.  Nicht  Worte  mögen 
sagen,  wie  wundervoll  alles  werden  soll: 


„Träufelt,  ihr  Himmel,  von  oben, 

und  die  Wolken  rieseln  Segen! 
Die  Erde  tue  sich  auf,        und  es  reife  Heil, 

und  Segen  sprosse  zugleich!" 

Und  immer  noch  weiter  schweift  der  Blick  des  schwärme- 
rischen Sehers.  Jahve,  der  Gott,  der  sich  in  allen  diesen 
Wundertaten  als  der  machtvolle  Herr  des  Alls  offenbart, 
muß  auch  anerkannt  werden  von  den  Völkern  der  ganzen 
Welt.  Die  Heiden  werden  die  großen  Taten  schauen,  die 
er  an  Israel  tut;  sie  werden  erkennen,  daß  er  allein  Gott 
ist,  und  die  Torheit  ihres  bisherigen  Götzendienstes  ein- 
sehen. Ihm  sollen  sich  zuwenden  die  Enden  der  Erde, 
vor  ihm  wird  sich  beugen  jedes  Knie  und  zu  ihm  jede  Zunge 
schwören.  Und  noch  immer  mehr!  Mit  dieser  Verherr- 
lichung seines  Gottes  wird  auch  Israel  verherrlicht. 
Alle  Heiden  huldigen  dem  Volke,  das  allein  Gott  kennt. 
Und  so  beginnt  ein  Weltreich  Judas. 

„Könige  sollen  deine  Wärter  sein 

und  Fürstinnen  deine  Ammen! 
Aufs  Antlitz  sollen  sie  vor  dir  niederfallen, 

den  Staub  deiner  Füße  lecken. 
Daß  du  erkennst,  daß  ich  Jahve  bin, 

daß  nicht  zuschanden  werden,  die  auf  ihn  harren!" 

Die  Geistesart  des  Propheten  klingt  aus  allen  diesen 
Erwartungen  deutlich  hervor:  aus  dem  unermeßlichen 
Elend  jener  Tage,  in  dem  auch  die  Besten  verzagen  und 
verzweifeln  mochten,  schwingt  sich  seine  verzückte 
Begeisterung  für  seinen  herrlichen  Gott  empor,  der  aller 
Wunder  mächtig  ist,  und  seine  innige  Liebe  zu  seinem 


zertretenen  und  des  Trostes,  ach,  so  bedürftigen  Volke. 
ßo  malt  er  die  Zukunft  Jahves  und  Israels  mit  wunder- 
vollen Bildern  einer  überschwenglichen  Hoffnung.  Und 
auf  alle  Fragen  nüchterner  Überlegung,  wie  das  alles 
möglich  sei,  antwortet  er  in  unerschütterlichem  Gott- 
vertrauen: Jahve  wird  es  tun!  Kein  Zweifel,  daß 
dieser  Mann  zu  den  größten  Geistern  Israels  gehört:  er 
hat  den  Monotheismus,  auf  den  sein  Volk  .von  Anfang 
an  angelegt  war  und  dem  die  Prophetie  vor  ihm  schon 
seit  langem  zusteuerte,  hinreißend  verkündet;  er  hat 
das  berechtigte  Hochgefühl  der  prophetischen  Religion, 
die  sich  in  ihrer  Verschmähung  aller  Bilder  und  Symbole 
über  den  heidnischen  Bilderdienst  hoch  erhaben  fühlte, 
gewaltig  ausgesprochen  und  die  weltumfassende  Idee 
des  Universalismus,  wonach  einst  die  Herzen  der  Heiden 
dieser  Religion  zufallen  werden,  mit  aller  Deutlichkeit 
erfaßt:  andere  Propheten  Israels  mögen  in  blutigen 
Bildern  vom  Verderben  der  Heiden  schwelgen,  er  weiß 
von  einem  Heil,  das  über  die  ganze  Welt  ergehen  soll! 
Und  zugleich  hat  seine  Botschaft  von  Jerusalems  Ver- 
klärung die  in  der  Folgezeit  geschehene  Heimkehr  und 
die   Neugründung  des  Judentums  vorbereitet. 


Und  nun  die  Hauptsache  für  uns  in  diesem  Zu- 
sammenhange, die  Rolle,  die  ihm  nach  den  Liedern  vom 
,,  Jahve-Knecht"  in  diesem  Weltendrama  von  Jahve  zu- 
erteilt ist.  Er  selber  ist  Jahves  Prophet,  von  ihm  zu 
seinem  Werkzeug  erwählt;  der  Gott  hat  ihn  von  Mutter- 


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leibe  an  dazu  berufen  und  ihn  jetzt  bei  der  Hand  ergriffen. 
Das  Wort ,,  Jahve-Knecht",  das  er  sich  selbst  zum  Titel 
gibt,  bedeutet  hier  nichts  anderes  als  „Prophet".  Er 
verkündet  es,  daß  Jahve  seinen  Geist  auf  ihn  gelegt  und 
seine  Worte  ihm  in  den  Mund  gegeben  hat,  damit  er 
seine  Wahrheit  bekannt  mache.  Er  beschreibt  es,  wie 
ihm  der  Gott  täglich  Offenbarungen  [erteilt,  wie  er  ihm 
die  ,, Zunge  von  Jüngern"  verleiht  und  Morgen  für  Morgen 
das  Ohr  aufweckt,  ,,um  wie  Jünger  zu  hören":  Sache 
eines  Jüngers,  Schülers  ist  es,  die  Worte  des  Meisters 
genau  aufzunehmen  und  getreulich  nachzusprechen.  Im 
Bilde  nennt  er  sich  selber  Jahves  spitzigen  Pfeil  und 
seinen  Mund  das  scharfe  Schwert  des  Gottes;  sein  Wort, 
so  will  er  sagen,  ist  Jahves  machtvolle  Waffe. 

Alles  dies  unterscheidet  sich  grundsätzlich  noch  nicht 
von  dem,  was. auch  andere  Propheten  gelegentlich  von 
sich  sagen.  Auch  Jeremia  hat  an  seine  Berufung  von 
Mutterschoße  an  geglaubt,  und  derselbe  Gottesmann 
ist  überzeugt,  die  Zukunft  nicht  nur  voraussagen  zu 
können,  sondern  sie  zugleich  zu  vollziehen.  Denn  das 
Gotteswort,  das  ein  Prophet  ausspricht,  verhallt  nicht, 
so  war  er  und  mit  ihm  sein  Volk  überzeugt,  als  ein 
bloßer  Schall  in  der  leeren  Luft,  sondern  trägt  geheime 
Wirkungskraft  in  sich:  und  was  er  in  Gottes  Namen  aus- 
spricht, das  wird  und  muß  geschehen!  Danach  ist  auch 
der  uns  auffallende  Satz  zu  verstehen,  daß  Jahve  seinen 
Knecht  zu  seiner  Waffe  im  Kampf  erkoren  hat:  durch 
seine  Worte  will  er  die  Zukunft  heraufführen. 


9 


4. 

So  ergeht  seine  Sendung  zunächst  an  sein  unglück- 
liches Volk.    Er  ist  berufen, 

,,  Gefangene  aus  dem  Kerker  zu  führen, 
aus  der  Haft,  die  in  Finsternis  sitzen", 
d.  h.  er    soll    Israel,    das    (bildlich    gesprochen)    in    der 
Gefangenschaft  schmachtet,  in  die  Freiheit  führen.  Dann 
aber  hat  er  Jahves  Auftrag, 

,,  Jakob  zu  ihm  zurückzubringen, 
daß  er  Israel  zu  sich  sammele", 
d.  h.  er  soll  das  Volk  zu  Jahve  in  die  Heimat  geleiten 
und  daselbst  ,, Jakobs  Stämme  errichten",  d.  h.  neu 
gestalten.  Und  so  soll  er  ein  ,, Volksbund"  werden, 
d.  h.  einen  neuen  Bund  zwischen  Gott  und  Volk  schließen 
und  in  seiner  Person  verkörpern. 

Der  Prophet  wird  sich  diesen  Beruf,  den  ihm  sein 
Gott  gegeben  hat,  nach  dem  Vorbild  der  großen  Gottes- 
helden, Mose  und  Josua,  gedacht  haben,  die  ja  auch 
Israel  aus  dem  Knechthause  in  die  Freiheit  geleitet, 
einen  Jahve-Bund  mit  ihm  geschlossen,  es  nach  Kanaan 
geführt  und  daselbst  die  Sitze  der  israelitischen 
Stämme  geordnet  haben.  Wir  wundern  uns  über  solche 
Nachahmung  alter  Muster  nicht,  redet  der  Prophet  doch 
auch  sonst  davon,  daß  die  Wunder  der  Vergangenheit 
jetzt  neu  werden  sollen. 

5. 
Die  Sendung  des  Propheten  umfaßt  aber  noch  bei 
weitem  mehr.   Nicht  nur  an  Israel,  sondern  auch  an  den 
Heiden  wird  sich  —  so  haben  wir  gesehen  —  sein   Gott 


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offenbaren.  Und  auch  dies  durch  seinen  Knecht! 
Wir  erkennen  noch  an  dem  zweiten  Liede,  auf  welchem 
Wege  ihm  dieser  Gedanke  gekommen  ist.  Als  er  verzwei- 
felte, seinen  Beruf  an  seinem  Volk  ausführen  zu  können, 
und  umsonst  gearbeitet  zu  haben  wähnte,  da  hat  der 
Gott  seinen  Auftrag  nicht  etwa  zurückgenommen,  son- 
dern einen  neuen,  noch  viel  gewaltigeren  hinzufügt: 

,,Zu  gering  ist's  mir,  daß  du  mir  Knecht  seist, 

um  Jakobs  Stämme  zu  errichten; 
Drum  mach  ich  dich  zum  Licht   der  Heiden, 

daß  mein  Heil  reiche     bis  zu  den  Enden  der  Welt"! 

Der  Widerstand,  den  er  in  seiner  Wirksamkeit 
gefunden  hat,  hat  ihn  zu  einem  noch  trotzigeren  Glau- 
ben entflammt.  ,,Je  größer  die  Schwierigkeit,  desto 
kühner  und  umfassender  wird  der  Heilsplan  Jahves." 
Und  so  schildert  er,  wie  ihn  der  Gott  in  die  Welt  einführt: 

,,Hier  ist  mein  Knecht,  an  dem  ich  halte, 
mein  Erwählter,  der  meiner  Seele  gefällt; 

Meinen  Geist  habe  ich  auf  ihn  gelegt, 

die  Religion  soll  er  den    Völkern  verkünden." 

Nicht  nur  ein  ,, Volksbund",  auch  ein  ,, Licht  der 
Heiden"  soll  er  werden! 

,,Er  setzt  die  Religion  auf   Erden  ein, 

auf  seine  Lehre  sollen  die  Gestade  harren!" 

Und  so  tritt  er  mit  seiner  Verkündigung  unter  die 
Völker  hin: 

,,Hört,  ihr  Gestade,  auf  mich, 

und  lauscht,  ihr  Völker,  in  der  Ferne!" 


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und  für  die  Zukunft  darf  er  erwarten,  daß  die  ganze 
Welt  seine  Botschaft  annehmen  und  ihm  als  dem  Träger 
des  Gotteswortes  huldigen  wird: 

„Könige  werden's  sehen  und  aufstehn, 
Fürsten  und  niederfallen!" 

Wir  erschrecken  vor  der  Größe  des  Berufs,  den  er 
sich  selber  zuschreibt.  All  das  Gewaltige,  Herrliche, 
Entzückende,  was  jetzt  kommen  soll,  will  er  selber  durch 
seine  Worte  ins  Leben  rufen!  Den  uralten  Gottesmann 
Mose,  der  doch  nur  an  Israel,  nicht  an  die  Welt  gesandt 
war,  will  er  noch  überbieten !/  Aber  wir  müssen  bedenken, 
daß  israelitische  Gemütsart  überhaupt  mehr  zu  schwär- 
merischer Übertreibung  neigt  als  der  nüchterne  Norden, 
und  daß  insbesondere  die  Propheten  ihre  Verzückung 
zu  den  überschwenglichsten  Worten  hinreißt;  und  dieser 
ist  der  Begeistertste  unter  ihnen  allen!  Auch  bleibt 
alles  dieses  grundsätzlich  auf  der  Linie,  die  sonst  pro- 
phetische Selbstaussagen  innehalten;  haben  doch  die 
israelitischen  Gottesmänner  vielfach  Befehle  an  die 
fremden  Völker  gerichtet,  und  hat  sich  doch  auch  ein 
Jeremia  berufen  gefühlt,  wie  ein  Stellvertreter  Gottes 
auf  Erden  Völker  auszurotten  und  zu  pflanzen,  und 
selber  in  einem  schaurigen  Gesicht  allen  Nationen  Jahves 
Zornesbecher  gereicht,  daß  sie  daraus  Wahnsinn  und 
Verderben  trinken.  Dennoch  hat  keiner  der  anderen 
Propheten  eine  solche  Ehre  für  seine  eigene  Person 
beansprucht,  daß  er  die  Huldigung  einer  ganzen  Welt  für 
sich  gefordert  hätte.  Aber  übersehen  wir  nicht,  daß 
hier  einer  der  größten  Geister  der  Menschheit  redet, 
selber    über    das    sonst   Gewöhnliche    und    Geziemende 


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weit  hinausgerissen  durch  den  brausenden  Überschwang 
der  Gedanken,  die  ihnerfüllen.  Und  jedenfalls  hatmensch- 
liche  Eitelkeit  bei  solchen  Sclbstaussagen  keine  Stätte; 
denn  nicht  an  sich  selbst  und  die  Vorzüge  seiner  Per- 
son hat  er  gedacht,  sondern  sich  nur  als  das  Werkzeug 
seines  Gottes  gefühlt;  und  auch  seine  Verherrlichung 
wird  geschehen 

,,um  Jahves  willen,  der  treu  ist, 

des  Heiligen  Israels,  der  dich  erwählte." 

Wir   begreifen,    daß   man    Jahrtausende    hindurch 

die   ungeheuren    Selbstaussagen   und  Forderungen   des 

Mannes  nicht  auf  ihn  selber  hat  verstehen  können  und 

deshalb  so  viele  andere  Erklärungen  dafür  gesucht  hat. 

6- 

So  hochgespannte  Erwartungen  für  das  Volk  und 
für  die  Person  des  Propheten  konnten  nicht  anders  als 
tragisch  ausgehen.  Das  folgende  Bild  zeigt,  wie  er  gegen 
diese,  durch  die  Natur  der  Dinge  gegebene  Tragik  seines 
Lebens  gerungen  und  sie  schließlich  im  Geiste  bezwun- 
gen hat. 

Zunächst  ist  sein  Auftreten  so  ganz  anders  gewesen, 
als  es  der  gewaltige  Beruf  verlangt  hätte.  Er  hätte 
zwischen  Himmel  und  Erde  dastehen  und  seine  Worte 
wie  mit  Donnerstimme  über  die  ganze  Welt  hinausrufen 
müssen.  Aber  in  ganz  anderer  Art  hat  er  gewirkt:  nicht 
wie  die  anderen  Gottesmänner  hat  er  auf  der  Gasse  seine 
Stimme  erhoben,  sondern  still  und  sanft  hat  er  sich  an 
die  zerbrochenen  Herzen  in  seinem  Volke  mit  freund- 
licher Trostpredigt  gewandt: 


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„Das  geknickte  Rohr  zerbricht  er  nicht, 
den  glimmenden  Docht  verlöscht  er  nicht." 
Und  wie  ein  solches  Rohr  und  ein  solcher  Docht,  so  ist 
er  selber  gewesen.  Er  glich,  so  heißt  es  mit  anderm 
Bilde,  ,, einem  unansehnHchen  Reis,  einer  Wurzel  aus 
dürremLand";  ,,erhattekeine  Gestalt", ,, kein  Aussehen", 
das  die  Augen  der  Menschen  auf  sich  zog.  Schlicht,  ver- 
borgen, still  und  sanft  hat  er  gewirkt.  Er  wird  weder 
von  besonders  hohem  Stande  noch  sonst  als  Mensch 
von  auffallender  Art  gewesen  sein:  äußerlich  betrach- 
tet nichts  als  ein  einfaches,  liebenswürdiges,  hoch- 
gesinntes,  gütiges   Menschenkind. 

7. 
Und  dieser  so  zarten  Predigt  hat  niemand  geglaubt; 
daß  Jahves  Arm  gerade  durch  ihn  wirken  wollte,  hat 
sich  keinem  enthüllt.  Zum  spitzigen  Pfeil  war  er  be- 
rufen, aber  der  Pfeil  blieb  im  Köcher ;  ein  scharfes  Schwert 
sollte  sein  Mund  werden,  aber  das  Schwert  ward  nicht 
gezückt:  der  Gott  hielt  es  ,,im  Schatten  seines  Armes" 
verborgen,  d.  h.  er  trug  es  geschultert.  Ein  Volk,  blind 
und  taub  gegen  Jahves  Taten  und  Worte:  so  war  Israel 
von  jeher  gewesen,  und  so  hat  es  sich  auch  gegen  ihn 
erwiesen.  Er  fand  sie,  jeden  einzelnen  den  Sorgen  und 
Nöten  seines  täglichen  Lebens  dahingegeben,  wie  eine 
Herde  von  verirrten  Schafen,  von  denen  jedes  auf  seinen 
eigenenWeg  schaut,  und  so  sind  sie  geblieben.  Sie  hatten 
jeder  mit  sich  selber  genug  zu  tun,  und  zu  unbegreiflich- 
herrlich war  seine  Botschaft  von  künftiger  Freiheit  und 
nahem  Glück,  als  daß  sie  bei  den  armen  Seelen  Glauben 


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hätte  finden  können.  Und  auch  in  der  Welt  da  draußen 
hatte  sich  so  rasch  nichts  verändert;  die  großen  Wande- 
lungen unter  den  Staaten,  die  sein  prophetischer  Blick 
richtig  erkannt  hatte,  vollzogen  sich  nicht  so  schnell, 
wie  das  seine  Ungeduld  gewünscht  und  erwartet  hatte. 
Und  so  muß  er  in  die  Iclagenden  Worte  ausbrechen: 
,, Umsonst  hab  ich  mich  bemüht,  für  nichts  und  wider 
nichts  meine  Kraft  verzehrt."  Und  noch  Schlimmeres 
hat  er  erfahren.  Das  Los  des  unbequemen  Propheten, 
den  die  Zeitgenossen  verhöhnen  und  verspotten,  war 
auch  das  seinige  geworden.  Wie  hatte  sein  großer  Vor- 
gänger Jeremia  unter  diesem  traurigenSchicksal  geseufzt ! 
So  war  es  nun  auch  über  ihn  gekommen.  Diejenigen,  die 
er  in  ihrer  Not  trösten,  ermuntern,  begeistern  wollte, 
hielten  seine  Worte  im  Gegenteil  für  sehr  bedenklich; 
denn  wie  nun,  wenn  die  chaldäische  Obrigkeit,  von  der 
man  doch  ganz  abhängig  war  und  mit  der  man  in  leid- 
lichem Einvernehmen  lebte,  von  seiner  Predigt  ver- 
nahm, in  der  er  dem  herrschenden  Reiche  den  Unter- 
gang drohte  ?  Was  für  ein  Strafgericht  konnte  sich  da 
über  sie  alle  entladen!  Kein  Wunder,  daß  man  ver- 
suchte, ihn  mit  Gewalt  zum  Schweigen  zu  bringen. 
Man  hat  ihn  geschmäht  und  angespien,  den  Bart  seiner 
Wangen  gerauft  und  seinen  Rücken  geschlagen.  So  ward 
er  derVerachtetste  unter  allen  Menschen,  er,  der  der  Ge- 
ehrteste hätte  sein  müssen!  Wie  Jeremia,  so  hat  auch 
er  seinen  Kummer  in  ,, Klageliedern"  ergossen,  ähnlich 
denen,  wie  sie  im  Gottesdienst  die  Leidenden  und  Kran- 
ken zu  singen  pflegten. 

2    Gunkel,  Ein  Vorläufer  Jesu.  15 


Aber  ebenso  wie  den  Jeremia  hat  auch  ihn  immer 
wieder  die  göttliche  Stimme  aufgerichtet.  Der  Gott,  der 
ihn  von  Mutterleibe  an  berufen  hat,  es  ist  ja  derselbe, 
der  Himmel  und  Erde  geschaffen  hat  und  allmächtig 
darüber  gebietet!  Er  hält  ihn  aufrecht  und  behält  ihn 
lieb;  in  seinen  Augen  bleibt  er  geehrt!  So  lischt  er  trotz 
aller  seiner  Schwäche  nicht  aus  und  zerbricht  nicht,  bis 
er  seine  Sendung  ausgeführt!  Einst  aber  wird  er  den- 
noch den  Lohn  seiner  Arbeit  von  Gott  empfangen;  dann 
werden  Könige  vor  ihm  niederfallen!  Dafür  setzt  Jahve 
seinen  göttlichen  Namen  zum  Pfände :  ,,der  Erlöser  Israels 
und  sein  Heiliger"  wird  den,  den  die  Menschen  ver- 
abscheuen, zu  hohen  Ehren  bringen!  Und  so  hat  er 
die  innere  Kraft,  einer  ganzen  Welt  zu  widerstehen: 
„Der  Herr   Jahve  hilft  mir, 

drum  werd  ich  nicht  beschämt. 
Drum  mach  ich  mein  Gesicht       dem  Kiesel  gleich ; 

ich  weiß:  ich  werde  nicht  zu  schänden. 
Nah  ist,  der  mir  Recht  schafft ;       wer  mag  mit  mir 
Laßt  uns  zusammen  hintreten!  [streiten? 

Wer  ist  mein  Gegner  im  Prozeß  ? 

Er  nahe  sich  mir! 
Fürwahr,  der  Herr  Jahve  hilft  mir! 
Wer  kann  mich  verdammen?" 
Solche  Schilderungen  der  inneren  Leiden  und  Er- 
hebungen zeigen  so  deutlich  ein  persönliches  Leben  und 
sind  zudem  den  Klagegedichten  des  Jeremia  in  Form 
und  Inhalt  so  ähnlich,  daß  wir  gerade  ihnen  die  volle 
Sicherheit  entnehmen:  auch  hier  redet  ein  Prophet  von 
sich  selber.  Freilich  hat  Jeremia  in  derartigen  Kämpfen 


16 


wilde  Worte  des  Fluches  gegen  seine  Gegner  geschleu- 
dert und  ihnen  das  plötzliche,  furchtbare  Verderben 
angewünscht,  wie  denn  auch  die  Psalmisten,  deren 
Töne  die  Propheten  in  solchen  Liedern  nachahmen,  oft 
von  grausamem  Zorn  überfließen.  Ganz  anders  darin 
unser  Prophet,  dem  Verwünschungen  nur  einmal  über 
die  Lippen  kommen,  und  der  die  Angriffe  seiner  Feinde 
sonst  immer  in  stiller,  zuversichtlicher  Ergebung  erträgt : 

,, Meinen  Rücken  bot  ich  den  Schlagenden 
und  meine  Wangen  den  Raufenden. 

Mein  Antlitz  verbarg  ich  nicht 
vor  Schmähung  und^Speichel." 
Diese  demütige  Hingebung  an  die  Anfechtungen  des  von 
Gott  verordneten  Berufes,  dies  sich  selbst  bescheidende  und 
zum  Leiden  bereite  Gottvertrauen  ist  eine  hohe  Tugend, 
die  von  dem  leidenschaftlichen  Sträuben  gegen  die  De- 
mütigung, das  sonst  für  israelitische  Art  bezeichnend  ist, 
aufs  stärkste  absticht.  Es  ist  eine  tiefe  Frömmigkeit, 
die  sich  so  ausspricht,  die  keiner  der  Vorhergehenden  in 
dieser  Weise  gekannt  hatte,  und  der  auch  ein  Jeremia 
nur  in  seinen  besten  Stunden  nahegekommen  war. 

8. 
Aber  noch  tiefer  ist  der  Prophet  von  seinem  Gotte 
geführt  worden./'  Wir  schließen  aus  den  mancherlei 
Anspielungen  des  letzten  Gedichtes,  die  wir  wiederum 
aus  hebräischen  Klageliedern  verstehen,  daß  er  zuletzt 
schweren  Krankheiten  verfallen  ist.  Und  da  ist  es  ihm 
ergangen,  wie  es  im  alten  Israel  den  Kranken  und  Sie- 
chen zu  ergehen  pflegt:    ihre   Umgebung  wendet  sich 


17 


von  solchem,  jener  Zeit  völlig  rätselhaften  Leiden  voller 
Schauder  und  Abscheu  ab  und  argv/öhnt,  daß  sich  in 
der  Plage  ein  schwerer  Gotteszorn  offenbare.  So  hat 
man  sich   auch  über  ihn   entsetzt: 

,,  Geschändet  war  er,  nicht  mehr  menschlich  sein  Aussehn, 

noch  seine  Gestalt  wie  die  von  Menschenkindern." 
,,Er  war  verachtet  und  von  Menschen  verlassen, 

ein  Mann  der  Schmerzen,  nur  mit  Krankheit  vertraut. 
Wie  einen,  der  das  Antlitz  vor  uns  verbirgt, 

verachteten  wir  ihn  und  schätzten  ihn  nicht." 
,,Wir  hielten  ihn  für  einen  Geschlagenen, 

von  Gott  Getroffenen  und  Geplagten." 

So  ist  er,  der  Auserlesene,  dem  die  Herrlichkeit  der 
Welt  gebührte,  von  den  Menschen  ausgestoßen  worden 
als  einer,  der  von  Gottes  Hand  selber  gezeichnet  sei. 
Der  berufen  war  zum  edelsten  Beruf,  mußte  das  Schick- 
sal eines  Hiob  tragen.  Aber  auch  in  dieser  schweren  äuße- 
ren und  inneren  Drangsal  hielt  er  an  seiner  demütigen 
Ergebung  fest.  Er  schalt  nicht  wieder,  da  er  gescholten 
ward. 

,,  Gemißhandelt,  fügte  er  sich  willig 

wie  ein  Lamm,  das  zum  Schlachten  geführt  wird; 
wie  ein  Schaf  vor  seinen  Scherern 

blieb  er  stumm,  tat  den  Mund  nicht  auf." 

Und  nun  steht  ihm  noch  das  Äußerste  bevor.  Sein 
Leiden  —  das  verhehlt  er  sich  nicht  —  kann  nicht 
anders  schließen  als  mit  seinem  Ende:  er  wird  ,, aus- 
gerottet aus  dem  Land  der  Lebendigen"  und  ,,zu  Tode 


18 


f;eschlap;en".  Unbemerkt  wird  er  dahingehen,  niemand 
wird  sich  um  seinen  traurigen  Ausgang  kümmern  und 
fragen,  ob  ihm  wirklich  so  Recht  geschehe: 

„seines  Rechtes  beraubt,  wird  er  dahingerafft, 

und  seine  Sache,  wer  bedenkt  sie  ?" 
Und  schließlich  —  das  ist  nach  damaliger  Anschau- 
ungdiebesondersschmerzvolleVerschärfungeines  solchen 
Sterbens  —  wird  ihm  nicht  einmal  ein  ehrliches  Begräb- 
nis zuteil  werden: 

Man  gibt  ihm  ,,bei  Frevlern  das  Grab 

und  bei  Missetätern  seine  Stätte, 
obwohl  er  kein  Unrecht  getan 

und  kein  Trug  in  seinem  Munde  erfunden." 
Damit,  so  malt  er  sich  die  ihm  nur  allzugewisse 
Zukunft  aus,  ist  er  schmachvoll  dahingegangen,  seine 
Leiche  auf  dem  Schindanger  verscharrt!  Er,  der  Un- 
schuldige, ist  noch  im  Tode  als  ein  arger  Verbrecher 
geschändet!  Und  seine  Sendung?  Sie  ist  nichterfüllt. 
Jahves  Wort  auf  seinen  Lippen  ist  zur  Lüge  geworden. 
Sein  tiefstes  Verlangen  und  heißestes  Begehren,  der 
Bote  seines  Gottes  an  alle  Welt  zu  werden  und  von  ihm 
vor  allen  Völkern  die  Herrlichkeit  zu  gewinnen,  ist 
traurig  gescheitert.  Schmach  hat  er  empfangen  statt 
der  Ehre. 

9. 

Nun  aber  rafft  sich  sein  Glaube  zum  letzten  Mal 
empor  und  triumphiert  noch  über  Tod  und  Grab,  Der 
Gott,  der  ihn  jetzt  der  Schande  hingibt,  ist  ihm  eine 
Rechtfertigung   vor    aller   Welt   schuldig.     An    solcher 


19 


öffentlichen  Bekundung  seiner  Unschuld  hängt  auch  ein 
Hiob;  darauf  kann  auch  der  Prophet  nicht  verzichten. 
Denn  so  liegt  es  in  ^Israels  Volksart,  und  so  sehen  wir 
es  Jauch  in  den  Klagepsalmen:  kein  Israelit,  der  un- 
schuldig leidet,  gibt  die  Hoffnung  auf  Wiederherstellung 
seines  Rechtes,  seiner  Ehre  auf.  Nein,  so  denkt  auch 
Deuterojesaia,  es  muß  dennoch  die  Zeit  kommen,  da  er 
zum  ersehnten  Erfolge  kommt  und  hoch  und  erhaben 
dasteht.    Wie  sich  jetzt  Gewaltige  über  ihn  entsetzen, 

,,so  müssen  einst  Gewaltige  über  ihn  staunen, 
Könige  den  Mund  verschließen." 

Ja,  staunen  müssen  sie  einst  über  seine  Herrlichkeit 
und  vor  lEhrfurcht  jkein  Wort  mehr  über  die  Lippen 
bringen  können  1  Denn  dann  ist  er  selber  ihr  Herrscher 
geworden. 

,,Er  bekommt  für  sich  an  Gewaltigen  das  Erbe, 
die  Mächtigen  erhält  er  zur  Beute." 

DieseVerherrlichung  aber  kann  nur  geschehen  durch  seine 
Auferstehung  hindurch!  Leider  ist  der  Text  gerade 
an  dieser  Stelle  verderbt;  doch  ist  unzweifelhaft,  daß 
er  auch  vor  diesem  Äußersten  nicht  zurückgescheut  ist. 
Wir  mögen  seine  Worte  etwa  folgendermaßen  wieder- 
herstellen: 

,,Doch  Jahve  gefällts,       ihn  von  Krankheit  zu  reinigen, 

wenn  seine  Seele  die  Schuld  büßt. 
Er  wird  den  Aufgang  schauen,       langes  Leben  haben, 

seine  Arbeit  wird  gelingen,  er  wird  seinesWünschens  satt" 


20 


Er     wird     den     Aufgang    (des    Lichtes)    schauenl 

Das  ist  in  diesem  Zusammenhange  nur  auf  ein  Leben 
nach  dem  Tode  zu  verstehen.  FreiHch  ein  schwer  aus- 
zudenkender Gedanke,  namentlich  im  alten  Israel,  das 
keine  Hoffnung  nach  dem  Tode  kannte.  Er  weiß  es 
wohl,  daß  es  ein  unerhörtes  Wunder  ist: 

,,Was  nie  erzählt  wurde,  schauen  sie  nun; 
was  sie  nie  gehört,  gewahren  sie!" 

Aber  sein  Glaube  steht  nicht  an,  dies  Wunder- 
barste von  seinem  Gott  zu  verlangen.  So  hat  er  das 
furchtbare  Geschick,  das  seiner  sanften  und  geduldigen 
Seele  auferlegt  war,  besiegt.  Aus  seinem  zermarterten 
und  zerquälten  Herzen  hat  sich  die  Überzeugung  von 
seiner  einstigen  Auferstehung,  Rechtfertigung  und  Ver- 
herrlichung losgerungen.  Eine  Riesentat!  Hier  zum 
ersten  Male  in  der  Geschichte  Israels  sehen  wir  den 
Auferstehungsglauben  als  den  Besitz  einer  persönlichen 
Frömmigkeit.  Vorbilder  hat  er  dabei  nur  insofern,  als 
auch  die  Klagelieddichter,  einem  Glauben  der  Vorzeit 
folgend,  wonach  die  Seele  des  Ohnmächtigen  in  die 
Unterwelt  eingeht  und  beim  Erwachen  daraus  zurückkehrt, 
von  einer  Erlösung  aus  dem  Totenreich  sprechen;  aber 
das  ist  für  sie  nur  eine  altertümliche,  dichterische  Rede- 
weise ;  für  ihn  ist  es  eine  Wirklichkeit.  Derselbe  Prophet, 
der  für  Jahve  und  Israel  die  überschwenglichsten  Er- 
wartungen hegte,  derselbe,  der  Israels  Haupt  und  der 
Heiden  Licht  hat  werden  wollen,  jetzt  im  Tode  bewährt 
er  noch  einmal  seine  Kühnheit.  Lebend  und  sterbend 
bleibt  er  sich  gleich. 

21 


10. 

Doch  damit  ist  das  Rätsel  seines  Leidens  und  Ster- 
bens noch  nicht  gelöst.  Er  hat  noch  immer  tiefer  gegra- 
ben und  gegrübelt,  in  der  sicheren  Überzeugung,  sein 
Gott  werde  dies  alles  nicht  über  seinen  Liebling  gesandt 
haben,  wenn  er  nicht  dabei  in  seiner  gnadenvollen 
Weisheit  einen  besonderen,  heiligen  Zweck  verfolgt  hätte. 
Und  diese  letzte  göttliche  Absicht  hat  er  erkannt! 
Sein  Tod  ist,  so  hat  er  gefunden,  notwendig  ge- 
wesen, [um  jdie  Frevel  seines  Volkes  zu  süh- 
nen: ,,um  der  Sünde  seines  Volkes  war  er  zu  Tode 
geschlagen".  Er  hat  dabei  das  Bild  vom  stellvertre- 
tenden Sühnopfer  aufgenommen,  ein  Bild,  das  jener 
Zeit  lebendig  war  und  das  für  das  damalige  Nach- 
denken keine  Schwierigkeiten  bot;  aber  er  hat  den 
Gedanken  sittlich  vertieft:  weil  er  die  Leiden  schweigend 
und  willig  auf  sich  genommen  hat,  darum  hat  sein  Opfer 
einen  erhöhten  Wert  erhalten;  und  weil  er  ohne  Sünde 
gewesen  ist,  darum  hat  er  die  Missetaten  anderer  tragen 
können.  Zugleich  aber  sieht  man  aufs  neue,  wie  hoch 
er  sich  selber  einschätzt:  er,  der  ,, hochgeehrt  ist  in 
Jahves  Augen",  wird  ,,die  Sünden  vieler  tragen" 
können. 

Dieser  freiwillige  Tod  aber  wird,  so  ist  er  überzeugt, 
auch  seinen  Eindruck  auf  diejenigen,  für  die  er  gelitten 
hat,  und  die  sich  damals  mit  Abscheu  von  ihm  ab- 
wandten, nicht  verfehlen.  So  wird  sich  Gottes  Heils- 
plan, der  die  Bekehrung  Israels  bezweckte,  endlich  doch 
vollziehen! 


22 


Der  Prophet  hat  alles,  was  er  über  sein  Leben  und 
Sterben,  sein  schmachvolles  Leiden  und  sein  herrliches 
Auferstehn,  seine  Gegenwart  und  Zukunft  zu  sagen  hatte, 
zusammengefaßt  in  einem  letzten,  gewaltigen  Gedicht, 
dessen  tiefem  Eindruck  sich  niemand  entziehen  kann; 
ein  ganzes  Meer  verschiedenster  Stimmungen,  die  ihn 
gegen  sein  Ende  durchflutet  hat,  ist  hier  zu  einer 
großartigen  Einheit  zusammengeflossen.  Am  Anfang 
und  Schluß  dieses  Liedes  schildert  er  in  der  Form  der 
prophetischen  Weissagung  dasjenige,  wessen  er  für  die 
Zukunft  sicher  ist.  In  dies  kraftvolle  Dur  aber  hat  er 
in  schwermütigem  Moll  ein  wunderbares  Mittelstück 
eingefügt. 

Es  war  eine  eindrucksvolle  Redeweise  der  Propheten, 
wonach  sie  die  Stimmungen  der  Zukunft,  die  sie  in  ihren 
Lesernzu  erwecken  wünschten,  in  Gedichten  niederlegten, 
die  einst,  wenn  ihre  Weissagungen  erfüllt  sind  und  all  das 
Große  geschehen  ist,  von  ihrem  Volke  gesungen  werden 
sollten.  So  haben  sie  Leichenlieder,  Hymnen  und  Klage- 
lieder gedichtet,  die  nicht  für  die  Gegenwart,  sondern 
für  das  kommende  Geschlecht  bestimmt  waren.  In 
Gedichten  dieser  Art  wird  also  die  Zukunft  so  geschil- 
dert, wie  wenn  sie  schon  Gegenwart  wäre:  das  Herz  der 
Propheten  erlabt  sich  an  ihrer  Hoffnung,  indem  sie  sie 
schon  als  erfüllt  betrachten.  So  hat  unser  Prophet  über 
sich  selber  im  voraus  ein  Leichenlied  aufgezeichnet  und 
es  in  die  Mitte  jenes  großen  Gedichtes  gestellt.  Wer  es 
einst  anstimmen  und  wann  es  gesungen  werden  soll, 
wird  nach  prophetischem  Stile,  der  sehr  häufig  absicht- 
lich dunkel  bleibt,  nicht  ausdrücklich  gesagt,  wird  aber 


23 


doch  aus  dem  inneren  Zusammenhang  der  Worte  deut- 
lich. Diejenigen,  um  deretwillen  er  gelitten  hat,  also 
sein  Volk  wird  es  sprechen  in  jener  Zeit,  wenn  er  gestor- 
ben, aber  auferstanden  ist  und  zu  voller  Herrlichkeit 
verklärt  ist.  Dann  endlich  wird  sich  ihr  Herz  ihm  zu- 
wenden und  in  bitterer  Reue  werden  sie  klagen  über  sein 
Geschick.  ,,Ach,  daß  ich  dich  so  spät  erkennet!"  Sonst 
war  es  in  Leichenliedern  Brauch,  die  Schönheit  und 
Pracht  des  Dahingegangenen  zu  preisen;  sie  aber  werden 
trauern  müssen  über  die  Niedrigkeit  und  Verachtung,  in 
der  er  gelebt  hat!  Und  zugleich  werden  sie  bekennen, 
was  ihnen  erst  jetzt  aufgegangen  ist,  weshalb  er  hat 
leiden  müssen: 

,, Unsere  Krankheiten,  er  hat  sie  getragen, 
und  unsere  Schmerzen,  er  lud  sie  auf; 
Wir  aber  hielten  ihn  für  einen  Geschlagenen, 

von  Gott  Getroffenen  und  Geplagten. 
Er  aber  war  um  unserer  Frevel  willen  geschändet, 

um  unserer  Sünden  willen  mißhandelt.^^ 
Züchtigung,  uns  zum  Heile,  lag  auf  ihm, 

durch  seine  Striemen  ward  uns  Heilung. 
Wir  alle  waren  wie  Schafe  verirrt, 

jeder  wandte  sich  seines  Weges. 
Doch  Jahve  ließ  auf  ihn  treffen, 
kommen  unser  aller  Schuld." 
Es  ergreift  sie  in  der  Seele,  daß  er,  den  sie  verspottet 
und  mißhandelt,   um  dessen  gutes  Recht  sich  niemand 
gekümmert,  so  viel  Liebe  zu  ihnen  im  Herzen  getragen 
hat,  um  sich  freiwillig  für  sie  in  den^Tod  zu  geben! 


24 


,,Der  große  Fürst  der  Ehren 
Läßt  willig  sich  beschweren 
Mit  Schlägen,  Hohn  und  großem  Spott." 
So  stehn  in  diesem  wundervollen  Liede  zusammen 
zartes    Mitleid    mit   dem   Dulder,   Bewunderung  seiner 
stillen  Größe,  schmerzliche  Reue,  daß  sie  ihn  verkannt, 
und  die  tiefe  Dankbarkeit  für  das,  was  er  für  sie  getan. 
Am  Schluß   des  ganzen  Gedichtes   aber,    da  diese 
Einkleidung    des    Leichenliedes   wieder   fallen   gelassen 
wird  und  die  Weissagung  noch  einmal  einsetzt,  spricht 
der  Prophet  kraftvoll  seine  eigene   Überzeugung    aus: 
die  künftige  Ehre  wird   ihm  zuteil,   ,,wenn  seine  Seele 
die  Schuld  büßt",  und  sie  wird  ihm  mit  Recht  zukommen 
,, dafür,  daß  er  seine  Seele  ausgoß 

und  unter  die  Missetäter  sich  zählen  ließ, 
Während  er  die  Sünden  vieler  trug 
und  für  ihre  Missetaten  eintrat." 
Mit  diesem  Hoffnungsbilde  im  Herzen  ist  der  Prophet 
in  den  bitteren  Tod  gegangen,  gewiß,  daß  ihm  ein  neuer 
Morgen    tagen  wird:    ,, seine    Arbeit   wird  gelingen,    er 
wird  seines  Wünschens  satt!" 

11. 
So  weit  das  erhabene  und  rührende  Lied,  in  dem 
sich  Karfreitags-  und  Osterstimmung  im  voraus  ankün- 
digen. Denn  welcher  Leser  denkt  nicht  bei  diesem 
Prophetenbilde  an  den  anderen  großen  Gottesknecht, 
den  größten  unter  ihnen  allen,  der  gleichfalls  von  seinem 
Volk  zurückgewiesen  war  und  den  unentrinnbaren  Tod 


25 


vor  Augen  sah.  Auch  er  hat  das  gewaltigste  Selbst- 
gefühl für  die  Größe  seiner  Sendung  und  die  Einzig- 
artigkeit seiner  Person  wunderbar  mit  demütiger  Sanft- 
mut verbunden ;  auch  er  hat  sein  Leiden  mit  gläubiger 
Gelassenheit  auf  sich  genommen  und  den  Gedanken  an 
seinen  Tod  mit  der  Überzeugung  überwunden,  sein  Blut 
werde  ein  Lösegeld  für  viele  werden,  und  zugleich  mit 
dersicheren  Erwartung,  er  werde  in  Bälde  wiederkommen 
in  den  Wolken  des  Himmels.  Die  Forschung  unserer  Tage 
hat  zuweilen  diese  Gedanken  Jesu  abgestritten,  weil  sie 
ihre  Entstehung  in  seiner  Seele  nicht  begreifen  konnte; 
sie  wird  vielleicht  andererMeinung  werden,  wenn  sie  jetzt 
sieht,  daß  schon  ein  Vorgänger  Jesu  ähnlich  gedacht  hat. 


26 


Textänderungen, 

soweit  sie  nicht  in  Kittels  BiLlia  Hebraica  angegeben  sind. 

Jes.  42,3:    Vielleicht  ist  besser  jissaber  und  jiclibe  zu  lesen. 

Jes.  45,8:     lippathach;  wejiphre. 

Jes.  49,5:     je'esöph,  Subjekt  ist  Jahve. 

Jes.  52,15:  göjim  Zusatz. 

Jes.  52,17:  streiche  lähem. 

Jes  53,2:     lö'-phanim. 

Jes.  53,3b :  nibzehu. 

Jes.  53,5:     mechulläl. 

Jes.  53,6b    ist  zu  kurz,  lies  he'ethä. 

Jes.  53,7:  Das  erste  ,,er  tat  den  Mund  nicht  auf"  ist  zu  streichen; 
ne'lani. 

Jes.  53,8:     ne'ezär  mimmischpato;  ammo. 

Jes.  53,9:     wajjuttan;  betho? 

Jes.  53.10.  11 :  Die  sehr  verderbtenVerse  sind  stark  überfüllt;  nachdem 
durch  das  ganze  übrige  Gedicht  durchgehenden  Versmaße 
von  je  zwei  Doppeldreiern  müssen  sie  zusanunen  ?wei 
Verszeilen  umfassen;  wejahve  chäphes  und  wcchcphes 
jahve  sind  Varianten  ebenso  wie  das  zweimalige  naphscho 
jir'e.  Man  lese  mit  Gressmann  nach  LXX  zakke'ö 
mecholi;  ferner  te'scham;  nach  LXX  zerach;  streiche 
bejädo;  jisläch  (so)  gehört  zum  folgenden.  In  Vers  11  lese 
man  me'amalö  (wörtlich:  ,,er  habe  Glück,  Gelingen  hin- 
weg von  seiner  Mühsal")  und  bire'ütho. 

Jes.  53,12:  jinchal;  berabbim;  man  streiche  lammäweth;  ule- 
phisch'ehem. 


Der  Aufsatz  ist  zuerst  in  der  „Neuen  Zürcher  Zeitung"  24.  —26.  März 

1921  erschienen   und   wird   hier   in  überarbeiteter  und  erweiterter 

Gestalt  wiedergegeben. 


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